Enge und Weite…

… noch einmal bin ich in dem Haus, in dem ich die ersten Jahre meines Lebens zugebracht habe. Ich bin im 2. Stock, bei meiner Großmutter und entdecke: Jetzt, hier im Haus könnte ich doch auch in den Hof und in den Garten schauen, um noch einmal alles zu sehen. Ich spaziere los, komme ich doch diesmal eben nicht von außerhalb. Der Hof ist fast wie immer. Beim runtergehen sehe ich allerdings auf der Treppe Gemälde von Liz. Sie sind eher achtlos abgestellt und wirken vernachlässigt. Ein Bild ist sogar abgesägt worden. Bei einem anderen löst sich am Rande die Leinwand. Auch an der Fassade des Hinterhauses hängen zwischen den Fenstern Gemälde. Ich gehe weiter Richtung Garten und trete vom Hof hinaus.

Da allerdings hat sich alles verändert. Es gibt keinen Garten mehr. Ich bin in einem Hof, einem riesigen Atrium und stelle fest, dass der Architekt hier ein großes Haus fertig baut, damit viele Menschen da wohnen können. Sicher richtig. Da kann er auch Geld verdienen. Was sollte ihn ein Garten schon an Nutzen bringen. Ich gehe bis zum Ende, bis zur nächsten Tür und schau hinüber. Ich sehe eine riesige Flusslandschaft. Denke, so nahe war doch der Fluss nicht, der durch die Stadt fließt. Oder sollte er es doch schon sein. Das Wasser aber ist weit und fließt durch Wiesen und Auen. Ich schaue auch hinter mich, ob jemand kommt. Da müsste ich mich wehren. Das kann ich auch. Aber es kommt niemand. –

Ich überlege, ob ich nicht an der Haustüre unserer ehemaligen Wohnung läuten sollte. Einfach mal schauen, wie es jetzt aussieht. Ich gehe ins Haus zurück, höre von oben die Stimme meiner Großmutter und sage, dass ich gleich komme. Ich wollte nur noch etwas erledigen. Dann läute ich an der Wohnungstür: „Ich bin für Sie fremd!“ sage ich, bang, ob überhaupt jemand zuhause ist. Zwei Frauen, alternativ gekleidet, eine trägt ein Kopftuch rund ums Haupt geschlungen, öffnen lachend die Tür. „Ich bin für Sie fremd, aber ich habe hier einmal gewohnt. Hier war ich Kind, bin geboren und groß geworden. Ich wollte die Wohnung nur mal wieder sehen.“

Es hat sich viel verändert, die Wand im Wohnzimmer war weiter hinüber gerückt worden und so war das Wohnzimmer nun viel größer. Auch die Räume wirken in sich ähnlich und sind doch anders gestaltet. Sie laden mich ein, am Wohnzimmertisch Platz zu nehmen. Da fällt mir auf, dass auch der Tritt vor den Fenstern weggenommen wurde. Hier hatten wir uns als Kinder immer gestritten, wer dort oben, wie in einer Loge auf dem Sessel sitzen und von dort oben fernsehen durfte. Ein älterer Herr kommt hinzu und setzt sich mir gegenüber. Da sitzen wir auf einmal an einer riesigen Fensterwand und schauen hinaus. Wir schauen direkt auf das Wasser, auf ein weites Meer. Das Wasser geht bis zur Unterkante der Fensterwand. Sanft plätschert es. Es hat nichts Bedrohliches an sich. Und ich denke mir: Doch, hier könnte ich in der Rente auch wohnen. Ich könnte mich wohl wieder dran gewöhnen. Es ist mir nicht mehr so fremd. Doch das Eigentliche, was so anheimelnd ist, ist das Meer.

Und ich denke mir im Erwachen, ich sehe mich in Irland…

Beim Frühstück erzählte ich Liz von dem Traum. Sie meint auch, wieder in meine Heimatstadt ziehen zu können. Der Abstand zu meinen verstorbenen Eltern sei jetzt groß genug. Doch ich sehe mehr das Wasser, als das Haus und denke mich ans Meer. Und nach Irland, meiner geheimen Sehnsucht. Liz weiß nicht so recht, wie sie reagieren soll… – Anschließend gehen wir Einkaufen. Es ist kalt und schneidend draußen. Auch ist Liz wegen ihrer Erkältung und der gestrigen Wanderung sehr kraftlos. Wir kaufen ein, und ich werde mich als Hobbykoch wieder einmal aus rasen. Der Traum aber begleitet mich. Und ich weiß, dass ich aus der Enge heraus ins Weite geblickt habe. Wie sehr ich mich nach der Weite sehne. Fast schon unvernünftig. Und wieder spüre ich, wie unbürgerlich und anarchisch es in mir zugeht… Nein, Älterwerden hat nichts mit vernünftiger werden zu tun. Gott sei Dank ist Unvernunft nicht an Jugend gebunden. Ha!