Blondes Haar und viele Zähne…

Heute Nacht wieder diese unschönen Träume und auch etwas sehr Versöhnliches. – Zunächst bin ich in einer Stadt und finde mich nicht mehr zurecht. Auch mein Vater sitzt mit im Auto (er ist seit 4 Jahren tot) und wir beide sind etwas durcheinander, weil wir die Gegend nicht mehr wieder erkennen. Schließlich finde ich doch hin (wir sitzen im Auto, ich am Steuer!). Es geht in die Gartenstadt, einem Stadtteil von B., nur wen wir da besuchen sollen, wissen wir nicht. Wir steigen aus, gehen ein Stück miteinander. Ich streiche ihm über das Haar und denke mir, er hat so viel von einem Jungen an sich…. – In einem anderen Traum sitze ich endlich G., meinem Musikerfreund gegenüber und wir sprechen wieder, wie in alten Zeiten. Ich bin etwas verlegen, weil er auf einmal wieder so offen ist, dann aber scheint auf einmal alles Trennende ausgelöscht. Es ist Frieden.

Seit gestern habe ich den Bescheid. Ich bin ab 1. 1. 18 im Ruhestand. Erwartet und erhofft. Nun also, so denke ich mir, bin ich auf einmal alt. Ich kann noch nicht das Neue sehen, dass sich auftut, nur, dass unser neues Zuhause womöglich unsere letzte Wohnung sein wird. Und auf einmal blickt man, obwohl noch soviel Leben in einem ist, ans Lebensende. Mich graut. Ich werde mich gegen das zu frühe Altsein wehren mit allem, was ich bin und habe. Noch ist zu viel Liebe und zu viel Leidenschaft in mir. Ich habe noch volles blondes Haar, viele  Zähne – jawoll – und gehe auch nicht krumm und bucklig. So!

Ich bin trotzig genug, neinneinnein, ich gebe mein Leben nicht dahin…

 

Träume! Unerfüllt?

Sonne draußen. Kalt, aber ein blauer hoher Himmel. Schön. Gegen Kälte kann man sich ja immerhin fest einpacken. Trotzdem erfüllt mich innere Unruhe. Tue mir schwer, ruhig zu bleiben und mich zu konzentrieren. – Habe gestern einiges aus den „Bildern einer Ausstellung“ gespielt. – Sollte etwas lesen, bin aber hin und her gerissen. Mein Manuskript schreibt sich auch nicht von selber. Dabei habe ich sogar manche Ideen. Dass heute ein moderner Roman ganz stringent von vorne nach hinten ablaufen muss, ist durchaus zu ändern. Schaue im Internet nach über Thomas Pynchon, dessen Romane einen großen Eindruck hinterlassen haben. Besonders „Die Enden der Parabel“.

Noch eine Woche, dann bin ich 60. Bin ich dann ein alter Mann? Quatsch, das entscheidet sich doch nicht an einer Jahreszahl. Schon gar nicht an einem Tag, dann wäre ich es jetzt auch. Golo Mann hat einmal geschrieben, dass die Jugend schon Alter besitzt und das Alter noch Jugend in sich hat. Letztlich steht hinter allem aber die Angst, sich womöglich bald zu verlieren und dem Sterben immer näher zu kommen. Vielleicht spüre ich deshalb die Lust, noch einmal exzessiv leben zu wollen.

Ist in mir Trauer? Freude? Gleichgültigkeit? Gestern Abend, als Liz vom Singen kam, empfand ich sogar so etwas wie Ärger, dass ich mit meinen Gedanken alleine war. Und doch ist es nötig. Haben schließlich aus der 4. Staffel von „Sherlock Holmes“ mit Benedict Cumberpatch den ersten Film geschaut. Auf Englisch. Cumberpatch’s Stimme im Original ist selbst für einen Mann betörend. Genial, wie er spricht, wie er Texte bearbeitet, zerlegt, zusammenfügt. War danach wieder recht zufrieden. Na also, geht doch…

Ein alter Wandersmann

Regen! Es ist uns ja ein verregnetes Pfingstwetter vorhergesagt. Naja, wir können es nicht ändern. Also nicht aufregen.  Die Tage in Franken stehen an mit dem 80. Geburtstag der alten Dame, die wahrscheinlich kaum mehr etwas von dem Tag mitbekommt. Trotzdem werden wir, so gut es geht, feiern. Und trotzdem werden wir alle versuchen, irgendwas Gescheites zu sagen. Und vielleicht wird auch ein wenig geheuchelt. Liz und ich fahren erst am Montag, das ist auch gut so. Und nachdem meine Schwägerin sehr gut kocht, werde ich wohl wieder den Attacken auf meine Hüfte erliegen. Die gute fränkische Kost. Oje. (grins)

In den Träumen scheint jemand Gericht über mich zu halten. Ob freundlich oder nicht, kann ich nicht einmal sagen, es ist eben so, dass meine Seele so ganz viel abarbeitet. Liz meinte gestern Abend noch, dass ich wohl auch nicht hatte Trauern können, als meine Eltern starben. Gut möglich. Als sie das „Feierabend-Lied“ auf der Flöte spielte, war es mit meiner Beherrschung fast dahin. Ich kann doch mit so einem Kitsch nichts anfangen. Aber es ist doch kein Kitsch, es ist Liedgut, Volkslied, und es drückt die tiefsten Sehnsüchte des Menschen aus. Wenn man keine Heimat so recht hat, weil man entwurzelt ist, entwurzelt wurde (auch das), dann holt einen die Trauer auch über diesen Verlust manchmal ein. Und gestern Abend war es soweit. Wo bin ich angekommen. Himmel hilf!

Heute ist irgendwie ein armselig trüber Tag. Ich kann mich trösten, etwas weiter mein wissenschaftliches Essay vorangetrieben zu haben und meine Erzählung auf den Weg zu bringen. Später, wenn Liz Tanzen gegangen ist, werde ich wohl lesen. Oder?

Meine irrsten Gedanken waren, im kommenden Jahr, wenn ich nun 60 geworden bin, einmal ganz allein in den Urlaub zu fahren und dort wie ein alter Wandersmann über die Berge und Hügel Irlands zu streifen. Nur bei mir und mit mir. Die Idee habe ich ja schon lange, nur gab es noch keine Möglichkeit, es zu verwirklichen. Es ist dann soweit. Und wie lange soll ich denn noch warten? Manchmal greift auch eine grauenvolle Angst nach mir. Eine namenlose Angst – und tief in mir drin habe ich das Empfinden, es hat damit zu tun, sich sagen zu müssen, dass man nicht genug gelebt hat.