Ein Gespenst geht um…

… in unseren Landen. Es ist hohläugig, fahl und stumm. Und weil es stumm ist, geben wir ihm viele Namen. Es ist das Gespenst des Populismus, der sich der Angst der Menschen bedient, das Gespenst der Angst an sich und auch das Gespenst der Unaufgeklärtheit und der Dumpfheit. Es ist das Gespenst des moderaten Analphabetismus und der Dummheit. Es ist das Gespenst der Borniertheit und des Hasses. Das Gespenst des Ewig-Gestrigen, kurz: Das Gespenst des kranken Nationalismus.

Wir schieben unsre Verantwortung in trotziger Gebärde den Politikern zu. Sie hätten gestern schon Fehler begangen und täten sie heute wieder. Sie seien nicht lernfähig, übereifrig, zögerlich, abgehoben und blind für die Lebenssituation des einfachen Bürgers. Es werden in krankhaftem Wahn alle Über-Ich-Instanzen abgewatscht – jaja, wer hätte nicht schon mal Probleme mit Vater-und Mutterfiguren gehabt. Austreten aus der Kirche diesem Verein, der sich protestierend gegen einfarbiges Völkchen wendet. Und außerdem seien die etablierten Parteien sowieso abzustrafen. Dabei haben wir doch bis vor 25 Jahren in der DDR erlebt, was eine Ein-Parteien-Landschaft aus dem Leben von Mensch und Land macht. Aber Gespenster sind ja bekanntermaßen die Geister von Verstorbenen. Ihnen zu huldigen scheint den Geisterbeschwörern von heute nicht allzu schwer zu fallen.

Wer nun sagt, dies sei doch allzu weit hergeholt, der schaue nach Frankreich, dem Land der Aufklärung und der Französischen Revolution. Dem Land, dass den Absolutismus in kühnem Umsturz abschaffte, seinen König mitsamt Königin der Guillotine überantwortete und sich fortan um Toleranz bemühte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Genau dieses Land steht vor einer Stichwahl, in der Marine Le Pen – sie nennen sie eine Rechtsaußen – und ein Parteiloser mit angeheirateter Lehrerein (sie ist 24 Jahre älter als der Kandidat ) – um den Einzug in den Elyssée-Palast kämpfen. Von den einst etablierten Parteien ist nichts mehr zu sehen. – Schon vergessen, dass in England der Brexit sich endgültig auf den Weg gemacht hat. Im Land Shakespeares sollen mehrheitlich Bürgerinnen und Bürger gar nicht so recht gewusst haben, wofür oder wogegen sie eigentlich mehrheitlich stimmten. Demokratie braucht Lust an Information und kann sich auf Dauer Analphabetismus nicht leisten.

Und wenn wir über Europa hinausblicken?! Nichts Neues von Trump! Aber die letzten 100 Tage reichen schon, um sich verwundert die Augen zu reiben und die Hände über den Kopf zusammen zu schlagen. Mit ergebenem Blick zum Himmel: Wer hat denn den gewählt? Und da gäbe es noch… – aber lassen wir das Aufzählen, es sind zu viele!

Und bei uns? Das Gespenst geht um. Immer dreister wird der Spuk. Was noch nach Operette aussieht könnte zur Oper werden. Der fade Gesang zur Marschmusik. Und sollte es Marine Le Pen schaffen (in unseren Zeiten scheint mir alles möglich!), wird Herr Orban in Ungarn vielleicht ungarisch jauchzen und wir alle uns auf den Weg machen in eine neue nationalstaatliche Diskussion. So, als könnten wir es nicht glauben und hätten es gar nicht kommen sehen, ach ja… Zuletzt: Gespenster haben es dann auch leicht, wenn Langeweile ein Volk lähmt und man das Gefühl hat: Bei uns passiert ja nichts. Statt dass man dankbar ist für die Unaufgeregtheit. Gut, Trägheit und Langeweile sind mehr als Unaufgeregt-Sein. Und doch kann aus Langeweile im besten Fall – man denke an die Kindererziehung – Kreativität erwachsen. Da entschuldigt man manchen peinlichen Patzer in der Politik und freut sich, dass sich Herr Schulz von der SPD für die Kirchen einsetzt.

Ein Gespenst geht um, womöglich geistert es schon im eigenen Seelenleben, spukt im eigenen Haus. Lasst es Mitternacht werden und lauert im Dunkel! Dann wird sich zeigen, wer uns beherrscht. Spätestens dann müssen wir wissen, wie ein modernen Exorzismus aussieht. Wachet und betet – und lernt endlich zu lesen… Wir sind im Land von Goethe und Schiller.