Ich werfe mein bisheriges Leben ab…

… aber es fällt mir so schwer. Ich räume aus und werfe weg. Vieles habe ich seit unserem letzten Einzug nicht mal mehr angesehen. Ich wusste noch, dass ich es habe, mehr aber auch nicht. Anderes werfe ich weg, weil es in meinem Alltag keinen Platz mehr hatte. Und doch ist das alles mein gelebtes Leben. Wie ich daran denke: Als junge Studenten haben wir uns um die Bücher geschart, die ältere Kollegen abwarfen. Heute bin ich selbst soweit.

Und doch soll es so sein, damit der nächste Schritt leichter fällt. Der Weg in eine neue Wohnung. Frei von allem, was bisher an mir zog. Wird das nun unsere letzte Station sein? Mich überfällt eine große Bangigkeit. Nichts wird mehr sein, wie vorher. Meine Frau trauert auf ihre Art und macht das selbe, wie ich: Sie wirft weg, entledigt sich all der Dinge, die unseren Haushalt bisher so aufgebläht haben.

Ich spüre tatsächlich auch Erleichterung. Und doch auch die Last, die mit der eigenen Vergänglichkeit daher kommt. Weil ich doch immer noch keine Position dazu beziehen kann. Alle Abschiede sind ein kleiner Tod. Diesmal empfinden wir es beide wohl besonders schmerzhaft. Andererseits will ich auch für mein weiteres Leben nicht mehr all diese Bücher aus meiner Studienzeit dabei haben. Das muss man noch einmal durchbuchstabieren: Aus meiner Stu-dien-zeit! Meine Güte, was man alles hätte lesen sollen. Unfassbar. Heute fragt man sich sogar: Haben die Verfasser das damals wirklich ernst gemeint. Es war so zeitgebunden. Und doch erinnert man sich dabei an all die Jahre, und an die Orte, an denen man gelebt hat. Viele, die älter waren als man selbst, leben nicht mehr.

Ein Häuschen weiter wollen wir ziehen. Jedenfalls bereiten wir uns so darauf vor, dass es, wenn es denn soweit ist, leicht geht, leichter, als bisweilen befürchtet. Und trotzdem, es kommt so schnell, dieses Wegwerfen, dieses Leben in den Mülleimer treten. Viel zu schnell. Vielleicht können wir eines Tages befreit lachen.

Vielleicht – hoffentlich…

Ich will leben…

… die Hysterie wegen und gegen Donald Trump steigert sich ja ins Grenzenlose. Nun soll – in solchen Fällen zieht man ja Nostradamus aus der Tasche – der Herr aus Amerika sogar der 3. Antichrist (nach Napoleon und Hitler) sein und die Welt in einen finalen, 27jährigen Krieg stürzen. So in einer großen deutschen Zeitung mit sehr eigenem Niveau. Zur Amtseinführung hagele es Absagen. Diese Mischung aus religiösem Unsinn, Abscheu und gewolltem Intellektualismus einiger ist in sich schon wieder gefährlich. Wenn es langsam nicht so traurig wäre, wäre es glatt zum Lachen. Wie wenig aufgeklärt sich die Welt zeigt, hätte ich tatsächlich nicht für möglich gehalten.

… heute Nacht von Salome K. geträumt, die ich sehr schätze. Irgendwie endete der Traum, dass wir lachend nebeneinander auf einer Wiese lagen, die Hände ineinander verschränkt und sehr, sehr glücklich waren. Dazwischen waren wir immer wieder getrennt, ich musste durch einen großen See schwimmen, fuhr mit einem Boot auf die andere Seite, um Salome K. wieder zu sehen. Sie war schließlich von meinem Eifer so beeindruckt, dass sie, was längst entschieden war, mich nahm, wie ich nun einfach war und bin… Happy End…

Die Nachrichten heute: Erschreckend. Die Lawine in Italien, das Erdbebengebiet kommt nicht zur Ruhe. Wahrscheinlich wurde die Lawine durch einen Erdstoß ausgelöst. Viele Tote. So recht gibt es noch keine Nachrichten, die wirklich aufklären oder zumindest informieren können. Einsturz eines Hochhauses. – Da muss man sich mit seiner guten Laune fast entschuldigen in einer zwar kalten, aber behüteten Landschaft unter blauem Himmel zu leben.

Ich will leben. Und das mache ich auch gegen die schlechten Nachrichten dieser Welt.

Ein alter Wandersmann

Regen! Es ist uns ja ein verregnetes Pfingstwetter vorhergesagt. Naja, wir können es nicht ändern. Also nicht aufregen.  Die Tage in Franken stehen an mit dem 80. Geburtstag der alten Dame, die wahrscheinlich kaum mehr etwas von dem Tag mitbekommt. Trotzdem werden wir, so gut es geht, feiern. Und trotzdem werden wir alle versuchen, irgendwas Gescheites zu sagen. Und vielleicht wird auch ein wenig geheuchelt. Liz und ich fahren erst am Montag, das ist auch gut so. Und nachdem meine Schwägerin sehr gut kocht, werde ich wohl wieder den Attacken auf meine Hüfte erliegen. Die gute fränkische Kost. Oje. (grins)

In den Träumen scheint jemand Gericht über mich zu halten. Ob freundlich oder nicht, kann ich nicht einmal sagen, es ist eben so, dass meine Seele so ganz viel abarbeitet. Liz meinte gestern Abend noch, dass ich wohl auch nicht hatte Trauern können, als meine Eltern starben. Gut möglich. Als sie das „Feierabend-Lied“ auf der Flöte spielte, war es mit meiner Beherrschung fast dahin. Ich kann doch mit so einem Kitsch nichts anfangen. Aber es ist doch kein Kitsch, es ist Liedgut, Volkslied, und es drückt die tiefsten Sehnsüchte des Menschen aus. Wenn man keine Heimat so recht hat, weil man entwurzelt ist, entwurzelt wurde (auch das), dann holt einen die Trauer auch über diesen Verlust manchmal ein. Und gestern Abend war es soweit. Wo bin ich angekommen. Himmel hilf!

Heute ist irgendwie ein armselig trüber Tag. Ich kann mich trösten, etwas weiter mein wissenschaftliches Essay vorangetrieben zu haben und meine Erzählung auf den Weg zu bringen. Später, wenn Liz Tanzen gegangen ist, werde ich wohl lesen. Oder?

Meine irrsten Gedanken waren, im kommenden Jahr, wenn ich nun 60 geworden bin, einmal ganz allein in den Urlaub zu fahren und dort wie ein alter Wandersmann über die Berge und Hügel Irlands zu streifen. Nur bei mir und mit mir. Die Idee habe ich ja schon lange, nur gab es noch keine Möglichkeit, es zu verwirklichen. Es ist dann soweit. Und wie lange soll ich denn noch warten? Manchmal greift auch eine grauenvolle Angst nach mir. Eine namenlose Angst – und tief in mir drin habe ich das Empfinden, es hat damit zu tun, sich sagen zu müssen, dass man nicht genug gelebt hat.

Ich will leben!!!

In mir ist eine seltsame Form von Geilheit. Es ist so eine angespannte Lust, eine spannungsreiche sexuelle Empfindung. Ich wünsche mir einen Blowjob und muss darüber schmunzeln. Egal, ob von einem Mann oder von einer Frau. Ob da der Frühling an und in mir kitzelt? Ich bin über diese Empfindung nicht traurig. Sie zeigt mir, dass ich noch lebe.

Heute Fußball im Münchner Stadion, in der Arena. Die wiederum zur Festung wird. Die Welt ist so kurios. Ich will nicht jammern. Aber gerade bei solchen Veranstaltungen schlägt das Herz für die vielen Menschen und hoffentlich…hoffentlich… gibt es nicht wieder irgendeinen Anschlag.

Muss viel über die vergangenen zwei Tage nachdenken. Über den Besuch unseres Freundes gestern und über unsere Freunde, die heute gekommen sind. Wir alle sind im Laufe der Jahrzehnte älter geworden. Und sinnieren so vor uns hin. Merkwürdig, dass gerade die Männer so gar nichts mehr vom Leben erwarten. Zur Kenntnis nehmen, dass eben vieles nachlässt. Und Skifahren keinen Spaß mehr macht. Und die Enkelkinder immer donnerstags kommen. Himmel noch mal, wars das wirklich schon. Ich wehre mich mit Händen und Füßen dagegen. Vielleicht ist das auch der Grund meiner – fast unanständigen – Geilheit.

Ich will leben, immer noch. Noch immer! Und das Leben spüren.