Sei’s drum…

… nun bin ich also seit gestern Abend wieder aus Irland zurück. Eine wunderschöne Reise mit traumhaften Bildern und unvergesslichen Erinnerungen. Und irgendwo mitten in der Woche wurde ich also 60. Man wacht eines morgens auf und steht im neuen Lebensjahrzehnt. Ich habe so überhaupt noch kein Gefühl dafür. Man wird gefeiert, zuhause erwarteten mich viele Glückwunschkarten – ich muss es also glauben. Aber in mir bleibt weiterhin die Lust auf Leben, ganz jung und kindlich. Ich weiß ja nicht, weil man es nur einmal erlebt, wie es zu sein hat, wenn man 60 wird…

… in den Träumen, die wild und tief waren, habe ich mich zum Beispiel mit B. versöhnt. Das war schön und befreiend. Und da unsere Träume ja Bilder von uns selber sind, konnte ich mich wohl mit mir aussöhnen, wo es nötig war. So also soll es sein. – Dass wir mit dem Wetter Glück hatten und es bis zu 12 Grad warm war, nehme ich dankbar als Gottesgeschenk. Und dass neben Liz auch E. dabei war und es keine Verwerfungen deshalb gibt – dies macht mich einfach nur glücklich. Verbunden mit den Worten, die E. mir zum Geburtstag mitgab.

… Unser B&B, bei Aileen und Pat – es war so heimelig und angenehm. Humorvoll und, was die Küche anging, reichlich. So reichlich, dass wir, die Männer, spätestens am Samstag alles von uns warfen und wir schon satt an den Frühstückstisch gingen. Wenn ich die Augen schließe, höre ich noch die Wellen der rough irish sea. Bis nach Glendalough hat uns die Reise geführt, nach Drogheda und natürlich zweimal nach Dublin. Dieser so spannenden literarischen Stadt. James Joyce lebe hoch.

… Im Sommer wollen wir in die USA reisen – soweit Trump uns lässt. Washington steht an und New York. Mehr erst mal nicht. Ich bin neugierig und schon jetzt ein wenig aufgeregt. Und immerhin, wenn ein Ergebnis meines Geburtstages bleibt: Man hat nicht mehr alle Zeit der Welt. Der Atem der Vergänglichkeit streift einen nun leichter, als bisher. Was wir jetzt nicht tun, tun wir vielleicht nimmermehr…

… 60 – sei’s drum! Erst wenn der nächste Papst jünger ist als ich, muss ich wohl sehr, sehr nachdenklich werden…

 

 

 

Erin my love

… noch etwas eingekauft, für die Reise alles soweit fertig gemacht und für die Rückkehr einiges gebunkert. Wer weiß, vielleicht möchte jemand mit mir das Glas erheben. Ist ja möglich. Sonst freue ich mich auf die Fahrt nach Irland, um dort ein wenig andere Eindrücke zu sammeln. Gut, dass wir diesmal ein Auto haben, so kann ich unsere Freunde herumfahren, es gibt so wunderschöne Sachen anzuschauen. Habe vor nach Glendalough zu fahren, aber auch nach Powerscourt. Vielleicht sogar nach Clonmacnoise. Liz will den Klippenweg in Howth machen (und ich warte dann auf dem Summit auf die Wanderer). Und endlich einmal sollten wir auch den Weg von Bray nach Greystone finden. Ach, die Zeit wird uns wieder viel zu knapp.

Wie ich dieses Land liebe. Freue mich auch auf E., meine erste große Liebe. Ich bin glücklich, wenn ich irische Musik höre und mit den Menschen ins Gespräch komme. Es sind meist ganz wundervolle Menschen mit einem ganz eigenen Humor. Und: Es soll deutlich wärmer sein, als bei uns. Darüber hinaus bin ich glücklich, mit den Freunden fahren zu können und auf die Freunde zu treffen, die mir im Leben wirklich etwas bedeutet haben und bedeuten…

Enge und Weite…

… noch einmal bin ich in dem Haus, in dem ich die ersten Jahre meines Lebens zugebracht habe. Ich bin im 2. Stock, bei meiner Großmutter und entdecke: Jetzt, hier im Haus könnte ich doch auch in den Hof und in den Garten schauen, um noch einmal alles zu sehen. Ich spaziere los, komme ich doch diesmal eben nicht von außerhalb. Der Hof ist fast wie immer. Beim runtergehen sehe ich allerdings auf der Treppe Gemälde von Liz. Sie sind eher achtlos abgestellt und wirken vernachlässigt. Ein Bild ist sogar abgesägt worden. Bei einem anderen löst sich am Rande die Leinwand. Auch an der Fassade des Hinterhauses hängen zwischen den Fenstern Gemälde. Ich gehe weiter Richtung Garten und trete vom Hof hinaus.

Da allerdings hat sich alles verändert. Es gibt keinen Garten mehr. Ich bin in einem Hof, einem riesigen Atrium und stelle fest, dass der Architekt hier ein großes Haus fertig baut, damit viele Menschen da wohnen können. Sicher richtig. Da kann er auch Geld verdienen. Was sollte ihn ein Garten schon an Nutzen bringen. Ich gehe bis zum Ende, bis zur nächsten Tür und schau hinüber. Ich sehe eine riesige Flusslandschaft. Denke, so nahe war doch der Fluss nicht, der durch die Stadt fließt. Oder sollte er es doch schon sein. Das Wasser aber ist weit und fließt durch Wiesen und Auen. Ich schaue auch hinter mich, ob jemand kommt. Da müsste ich mich wehren. Das kann ich auch. Aber es kommt niemand. –

Ich überlege, ob ich nicht an der Haustüre unserer ehemaligen Wohnung läuten sollte. Einfach mal schauen, wie es jetzt aussieht. Ich gehe ins Haus zurück, höre von oben die Stimme meiner Großmutter und sage, dass ich gleich komme. Ich wollte nur noch etwas erledigen. Dann läute ich an der Wohnungstür: „Ich bin für Sie fremd!“ sage ich, bang, ob überhaupt jemand zuhause ist. Zwei Frauen, alternativ gekleidet, eine trägt ein Kopftuch rund ums Haupt geschlungen, öffnen lachend die Tür. „Ich bin für Sie fremd, aber ich habe hier einmal gewohnt. Hier war ich Kind, bin geboren und groß geworden. Ich wollte die Wohnung nur mal wieder sehen.“

Es hat sich viel verändert, die Wand im Wohnzimmer war weiter hinüber gerückt worden und so war das Wohnzimmer nun viel größer. Auch die Räume wirken in sich ähnlich und sind doch anders gestaltet. Sie laden mich ein, am Wohnzimmertisch Platz zu nehmen. Da fällt mir auf, dass auch der Tritt vor den Fenstern weggenommen wurde. Hier hatten wir uns als Kinder immer gestritten, wer dort oben, wie in einer Loge auf dem Sessel sitzen und von dort oben fernsehen durfte. Ein älterer Herr kommt hinzu und setzt sich mir gegenüber. Da sitzen wir auf einmal an einer riesigen Fensterwand und schauen hinaus. Wir schauen direkt auf das Wasser, auf ein weites Meer. Das Wasser geht bis zur Unterkante der Fensterwand. Sanft plätschert es. Es hat nichts Bedrohliches an sich. Und ich denke mir: Doch, hier könnte ich in der Rente auch wohnen. Ich könnte mich wohl wieder dran gewöhnen. Es ist mir nicht mehr so fremd. Doch das Eigentliche, was so anheimelnd ist, ist das Meer.

Und ich denke mir im Erwachen, ich sehe mich in Irland…

Beim Frühstück erzählte ich Liz von dem Traum. Sie meint auch, wieder in meine Heimatstadt ziehen zu können. Der Abstand zu meinen verstorbenen Eltern sei jetzt groß genug. Doch ich sehe mehr das Wasser, als das Haus und denke mich ans Meer. Und nach Irland, meiner geheimen Sehnsucht. Liz weiß nicht so recht, wie sie reagieren soll… – Anschließend gehen wir Einkaufen. Es ist kalt und schneidend draußen. Auch ist Liz wegen ihrer Erkältung und der gestrigen Wanderung sehr kraftlos. Wir kaufen ein, und ich werde mich als Hobbykoch wieder einmal aus rasen. Der Traum aber begleitet mich. Und ich weiß, dass ich aus der Enge heraus ins Weite geblickt habe. Wie sehr ich mich nach der Weite sehne. Fast schon unvernünftig. Und wieder spüre ich, wie unbürgerlich und anarchisch es in mir zugeht… Nein, Älterwerden hat nichts mit vernünftiger werden zu tun. Gott sei Dank ist Unvernunft nicht an Jugend gebunden. Ha!