Fresssucht mit Konjunktiv und der Horrorfilm des Tages

Es ist schon merkwürdig, was Körper und Seele mit einem machen, wenn man so eine lange Krankheitsphase durchmacht. Zunächst versucht man sich zu orientieren, was man vielleicht zu ernst genommen hat und wo das Berufsethos einen zum Pflichtverständnis auch ein Bein gestellt hat. Dazu kommt aber auch, dass man dicker wird, mehr wiegt und sich schauderhaft darüber ärgert. Natürlich – der Grundumsatz ist herunter gefahren. Es wäre leicht – um noch etwas im Konjunktiv zu bleiben – weniger zu essen. Doch die Fülle der Zeit, die einem zur Verfügung steht, ist geradezu eine echte Herausforderung. Wie diszipliniert man wohl selber ist. Heute haben Liz und ich uns wieder mal was vorgenommen. Gleichzeitig beneide ich sie um ihre schlanke Figur.

Der Blutdruck ist normal. Endlich. Fast sogar ein wenig niedrig. 116/76. Da schau an. Für mich ist es damit erwiesen, was Stress mit dem Blutdruck macht. Ein ruhiger Puls, natürlich, da ist jetzt viel Entspannung. Man wird aber auch bequem. Soll ja Bilder kommen lassen nichts „machen“. Ich hatte mich nie als Macher verstanden, bis mir jemand sagte, ich sei es. Tatsächlich. Ich hatte immer das Gefühl, nicht genug zu arbeiten. Und kein Sensorium entwickelt, genug getan zu haben. Naja – und die Eltern, die keinen faulen Sohn haben wollten. Das schleppt man ja auch mit herum.

Ich brauche starke Bilder, sehe jeden Tag einen Horrorfilm. (Nebenbei bin ich natürlich auch ein Horrorfilm-Fan. Wegen des Unbürgerlichen, Anarchischen… ). Es gibt in diesem Genre nur so wenig Gescheites. Und wenn es etwas gibt, dann ist es religiös aufgeladen. Irgendjemand hat wegen irgendetwas Schuld und letztlich geht es um Erlösung. Die Bilder wiederholen sich. Ist ja auch nicht schlimm, nur auf Dauer auch nicht originell.

Ab und zu höre ich Musik. Beethoven, Schostakowitsch. Und weil ich wegen des Shakespeare-Jahres mich mit dem großen Engländer beschäftige, sollte auch mal wieder Verdi ran: Macbeth, Othello, bloß keine zarten musikalischen Tändeleien. Ach ja, Falstaff auch.

Und manchmal überschwappt mich Verzweiflung. Ich kann mich nicht wehren, igle mich ein und bin mir endgültig fremd geworden. Der blaue Himmel draußen und die Wärme dieses Frühlingstages, der vielleicht der erste Sommertag wird, lassen mich gleichgültig. Liz ist Schwimmen gefahren. Wenn sie zurück kommt, werden wir uns etwas Gutes zu essen machen. Und ich werde wieder dicker werden. Quatsch! Aber doch hat es was von einem Teufelskreis. Wird Zeit, dass ich wieder ins Hamsterrad komme!

Merkwürdige Trauer…

…die mich heute überfällt. Dabei genieße ich doch den Tag. Während Liz zum Vortrag geht, habe ich Zeit, ganz für mich, genieße dieses Frühstück für mich allein. Starker Kaffee, Frühstücksei. Im Fernsehen einen Film ausgesucht und über Streaming-Dienst angesehen. „Sinister“. Mein Genre und dabei nicht unoriginell. Ethan Hawke spielt besser, als es dieses Werk verlangen würde.

Aber anschließend: Ich werde traurig, müde, versuche zu lesen. Selbst etwas Kleines, Dummes, nichts gelingt mehr. Und als Liz später zurückkommt und ich schon eineinhalb Stunden geschlafen habe, sieht sie mir meinen inneren Unfrieden an. Bin aus dem Leben gefallen. Und vermisse mein Leben. Ich vermisse es einfach. Ich vermisse d a s  Leben. Dabei war doch blauer Himmel und alles um mich herum gelungen und ich selber durfte zufrieden sein. Woher diese Erschöpfung? Woher nur?

Aggressiv beim Abendessen. Beim Italiener. Gut und leicht gegessen. Und doch war ich mit mir zerstritten. Kein Hass auf mich selbst, nein, so weit geht es nicht. Aber einfach nur Trauer. Was vom Leben übrigbleibt? Und wieder will ich weg von hier. Nur weg. Endlich weg…