Anam cara

Habe gestern eine Telefonat geführt, dass mich so tief berührt hat. Ganz tief innen, wo uns die Worte versagen oder die Worte verlassen. Da war so viel offen und frei, neben der Kommunikation, die einfach eine traurige Information weitergab, war eine Metaebene erreicht, die mich erschüttert hat und mich zu Tränen rührte. Und schließlich gipfelte das alles in dem Satz, dass das, was wir vor langer Zeit, vor Jahren und Jahrzehnten begonnen haben, diese tiefe Seelenverwandtschaft, weiter besteht. Viele Dinge außen herum mögen sich ändern oder verändert haben, aber diese Seelenverwandtschaft bleibt. So hat noch nie jemand zu mir und mit mir gesprochen. Meine Seele spannte ihre Flügel aus und flog übers weite, weite Meer. Und da ahnte ich etwas von dem, was wir Heimat nennen.

Stammtischkultur und weite Welt

Der Ausflug nach Franken war mit Stolpersteinen übersät. Ich sollte es wissen, nein, wir sollten es wissen – und doch versuchen wir es immer wieder. Ich stehe am Grab meiner Eltern und denke mir: Da sind sie nicht! In mir ist Leere, ich habe keinen Bezug mehr. Meine Geburtsstadt, die ich immer wieder besucht habe, obwohl ich seit 1974 weg bin, hat sich mir stets in ihrem altertümlichen Charme geöffnet. Nun nicht mehr. Nur im Kaffeegeschäft, indem ich als Kind durch die Gänge rannte und wo ich für meine Mutter den besten Kaffee holte – da empfinde ich Heimatgefühle. Wir kaufen ein, um uns etwas von diesem Gefühl mitzunehmen. Doch schal bleibt auch dies zuletzt. Viele leben nicht mehr, natürlich, oder Beziehungen sind auseinander gegangen. Was mich betroffen gemacht hatte, das Grab meiner Großeltern meines Paten und meiner Patentante, die so lange in diesem Geschäft gearbeitet hat – ihr Bruder war der Geschäftsinhaber – gibt es nicht mehr. Kein Ort der Erinnerung. Aber – ich kann es auch verstehen. Nichts bleibt ewig, nicht einmal Gräber, Orte der Erinnerung, tun es.Und mancher denkt eben von den Grabkosten her.

Wir fahren zurück in den Ort, aus dem Liz stammt. Dort lebt ihre demente Mutter, die einst rege, nun nur noch vor sich hin  starrt und nur einen Satz auf Lager hat: „Hör nix!“ Ich versuche dort gute Laune zu bieten, lache mit den Mitbewohnern. Wir gehen Kaffee trinken, ich spiele am Flügel Beethovens „Elise“.

Abends mit Schwager und Schwägerin in einer fränkischen Gaststätte. Karpfen, Wiener Schnitzel, „Schäuferla“ – am Nachbartisch, dem Stammtisch schimpfen zwei Einheimische nach aller Herzenslust auf die „Dreggskanaggn“ und versammeln unter diesem Schimpfwort alle Flüchtlinge des Globus. Nein, das alles ist nicht mehr meine Welt. Ich will es auch nicht mehr, dass es meine Welt wird. Überallhin eines Tages, nur nicht mehr dahin. Mir ist schon die aggressive Denke fremd. Unser Weg wird einsamer, die Luft wird dünner. Aber zurück geht es nur durch Sumpf und Brackwasser.