Raune es mir zu – blättere um –

Bin ich Teil einer Geschichte oder habe ich nur Lust eine Geschichte zu erzählen? Wer ist der Urheber der Geschichte, in der ich vorkomme und wie ist mein Name? Stehe ich am Fenster und schaue hinaus, in einer Abendstunde, im dunklen Zimmer, noch angeleuchtet von der Straßenlaterne draußen. Ein Albino, dessen Haut sanft leuchtet, hell und fern. Während draußen der Mann entlanggeht, den ich (oder der Albino), seit Tagen beobachte. Eine unzeitgemäße Gestalt, wie einem alten Stummfilm entstiegen. Ein Dr. Caligari mit weitem schwarzen Überwurf und hohem Zylinder. Der mir von dort drüben zu raunt: Ich sehe dich. Ich sehe dich hinter dem Fenster stehen und deine helle Haut schimmert verführerisch zu mir herüber. Fang endlich an, dein Leben zu ändern, zu leben, wie du es gewollt hast. Und weil der Großvater des Albinos – Leo Rosen – bald seinen 105. Geburtstag feiert, will sein Enkel endlich dem Eigenen Raum geben und sich auf und davon machen ins Leben hinein, dessen er sich bis zu diesem Tag verweigert hat. Ricarda liegt nackt auf dem Bett und sieht dem hellhäutigen Liebhaber zu, Ricarda, blonde, kurzgeschnittene Haare, die Augen weit auseinander. Nicht eigentlich schön zu nennen, dazu ist das Kinn viel zu kräftig. die Nase zu fein geschwungen. Eine Abendgeschichte wird das werden, denkt sie, mehr noch, eine Nachtgeschichte, wenn es so weiter geht. Und wenn ich ihn verlasse, wird er dann seine Tür öffnen? Für all diejenigen, die auf ihn warten?

Wessen Geschichte wird erzählt und wessen Geschichte erzähle ich? Wo lege ich Hand an und wo wird meine Hand nur noch geführt? Ist das Alltagsgeschehen, der Tod von Westerwelle oder Späth, eine schon fertig geschriebene Erzählung, die sich mehr und mehr enthüllt, so wie die Seiten  eines Buches umgeblättert werden? Bang frage ich, wie diese Erzählung endet und lege für heute den Stift beiseite-