Alles Heuchler – oder was?

Jetzt so zu tun, als wäre die AfD vom Himmel gefallen, so ganz ohne Ankündigung, ist heuchlerisch. Und so zu tun, als hätte man es nicht glauben können, was in deren Programm stehen wird – auch. Es gibt eine alte geistliche Regel: Sekten treten dann auf, wenn die Großkirchen versagen oder schwach sind. Das ist in der Parteienlandschaft mit den sog. „Volksparteien“ nicht anders. Die echte Auseinandersetzung mit der AfD fängt m. E. erst dann an, wenn man das eigene Versagen analysiert und damit korrekt umgeht. Das heißt nicht, das Fähnchen nach dem Wind auszurichten. Aber es müssen ja Faktoren vorliegen, die ein aufsteigen dieser Partei erleichtern. Es kann auch nicht angehen, diese Gruppe und die Wählerinnen und Wähler zu dämonisieren. Das ist zutiefst pubertär.

Dazu kommt, dass es ja offensichtlich nicht ein rein deutsches Problem ist. Österreich hat rechts gewählt, Orban in Ungarn steht rechts, Marine LePen hat es uns eigentlich vorgemacht, obwohl man zur Zeit gerade aus Frankreich nichts hört. Ich könnte noch einige Namen aufzählen. Wahrscheinlich würde auch ein Brexit einen Rechtsruck in England bedeuten. Aber hier bewege ich mich im Bereich der Vermutungen. Wenn so viele Kräfte sich bereits für eine politische Seite und damit für eine bestimmte – sagen wir: nationale – Weltanschauung entschieden haben, ist die Dynamik groß genug, weitere Gebiete in Europa zu überziehen. Der Laie in mir, der allenfalls versucht, aufmerksam zu beobachten, fragt nur: War nicht im Zuge einer Europäisierung und einer Internationalisierung dieses Kontinents genau der andere Pendelausschlag phänomenologisch zu erwarten gewesen? Dazu haben wir alle doch viel zu lang im Eigenbewusstsein einer Nation gelebt. Das gibt doch niemand einfach so auf. Und tatsächlich sind Sprache und Geld hauptsächliche Identifikationsmerkmale. Eigentlich wundert mich nichts, wenngleich ich die Entwicklung in Land und Kontinent bestimmt nicht für gutheiße.