Der Countdown läuft…

… und so geht es Richtung 60. Geburtstag. Naja, was solls. Kanns nicht ändern. Und die Alternativen werden sowieso immer ekliger und trüber.

  • Neujahr in Franken. Fahrt durch eine weiß-verzauberte Landschaft, der Reif hat sich über die Bäume gelegt, im Donaugebiet ist es neblig, Hochnebel Gott sei Dank. Vollbremsungen sind zu vermeiden.
  • Die Verwandtschaft schläft noch schlummert nicht, sondern leidet, manchmal mit Leidenschaft und Freude an ihrem verkrampften Gewissen. Dem wohnt was Verzweifeltes inne. Zum Bedauern, denn ich liebe doch so sehr meine Schwägerin und ihren Mann – und würde beiden ein so freies offenes Leben wünschen. Gut, dass E. nicht so ist.
  • Neujahr, ich zieh mich zurück, gehe auch früher ins Bett, als E. und die Anderen. Versuche zu schlafen, gelingt auch, merke, wie E. gegen halb vier auch ins Bett geht. Muss mich übermorgen verantworten, weil ich jemandem mit Leidenschaft mein Erstaunen und meine Meinung entgegen gehalten habe. Hätte mich nicht im Griff. Würde Menschen vorführen. Jaja, was ist nur aus dem braven, bescheidenen und leidensbereiten Buben geworden, der sich als  Mann noch immer lieber das Hinterteil versohlen lässt, als sich heftig zu wehren. Sich wehren wurde nie gelernt. Sollte der Kerle etwa erwachsene werden? Oder erwachsenen geworden sein und deshalb Erstaunen, gar Entsetzen erregen?  Oder war ich einfach nur unhöflich und nur ausfallend? Schlecht drauf, schlecht gelaunt? Und um und gegen was gehts wirklich? Muss abwarten und zuhören.
  • Heimfahrt, es geht noch sehr gut. Südlich von München ist es einfach nur noch schön. Blauer Himmel. Am Jochberg sollen angeblich 100 Hektar brennen, der Berg stünde in Flammen. Luis Trenker hätte da bestimmt einen Film daraus gemacht.
  • Wieder zurück zu William Faulkner. Literaturnobelpreisträger, weiß viel zu wenig über ihn. Lese weiter an „Die Freistatt“. Sehr, sehr eindrücklich. E. voller Kopfschmerzen, kommt gerade herunter und verheißt ein neues Gemälde. Sie will malen. Gut, die Ausstellung zur Zeit läuft mit großem Erfolg.
  • Soll das für 2017 mein Tagebuch werden? Und wen sollte das wirklich interessieren? Sollte ich nicht doch lieber wieder mit Papier und Stift. Versuche die Ordnung zu halten, es reicht, wenn ich was da stehen habe und es mir dient. Und sonst? Herzlich willkommen weiterhin? Und allen ein gutes neues Jahr 2017.

Stammtischkultur und weite Welt

Der Ausflug nach Franken war mit Stolpersteinen übersät. Ich sollte es wissen, nein, wir sollten es wissen – und doch versuchen wir es immer wieder. Ich stehe am Grab meiner Eltern und denke mir: Da sind sie nicht! In mir ist Leere, ich habe keinen Bezug mehr. Meine Geburtsstadt, die ich immer wieder besucht habe, obwohl ich seit 1974 weg bin, hat sich mir stets in ihrem altertümlichen Charme geöffnet. Nun nicht mehr. Nur im Kaffeegeschäft, indem ich als Kind durch die Gänge rannte und wo ich für meine Mutter den besten Kaffee holte – da empfinde ich Heimatgefühle. Wir kaufen ein, um uns etwas von diesem Gefühl mitzunehmen. Doch schal bleibt auch dies zuletzt. Viele leben nicht mehr, natürlich, oder Beziehungen sind auseinander gegangen. Was mich betroffen gemacht hatte, das Grab meiner Großeltern meines Paten und meiner Patentante, die so lange in diesem Geschäft gearbeitet hat – ihr Bruder war der Geschäftsinhaber – gibt es nicht mehr. Kein Ort der Erinnerung. Aber – ich kann es auch verstehen. Nichts bleibt ewig, nicht einmal Gräber, Orte der Erinnerung, tun es.Und mancher denkt eben von den Grabkosten her.

Wir fahren zurück in den Ort, aus dem Liz stammt. Dort lebt ihre demente Mutter, die einst rege, nun nur noch vor sich hin  starrt und nur einen Satz auf Lager hat: „Hör nix!“ Ich versuche dort gute Laune zu bieten, lache mit den Mitbewohnern. Wir gehen Kaffee trinken, ich spiele am Flügel Beethovens „Elise“.

Abends mit Schwager und Schwägerin in einer fränkischen Gaststätte. Karpfen, Wiener Schnitzel, „Schäuferla“ – am Nachbartisch, dem Stammtisch schimpfen zwei Einheimische nach aller Herzenslust auf die „Dreggskanaggn“ und versammeln unter diesem Schimpfwort alle Flüchtlinge des Globus. Nein, das alles ist nicht mehr meine Welt. Ich will es auch nicht mehr, dass es meine Welt wird. Überallhin eines Tages, nur nicht mehr dahin. Mir ist schon die aggressive Denke fremd. Unser Weg wird einsamer, die Luft wird dünner. Aber zurück geht es nur durch Sumpf und Brackwasser.