Alles Heuchler – oder was?

Jetzt so zu tun, als wäre die AfD vom Himmel gefallen, so ganz ohne Ankündigung, ist heuchlerisch. Und so zu tun, als hätte man es nicht glauben können, was in deren Programm stehen wird – auch. Es gibt eine alte geistliche Regel: Sekten treten dann auf, wenn die Großkirchen versagen oder schwach sind. Das ist in der Parteienlandschaft mit den sog. „Volksparteien“ nicht anders. Die echte Auseinandersetzung mit der AfD fängt m. E. erst dann an, wenn man das eigene Versagen analysiert und damit korrekt umgeht. Das heißt nicht, das Fähnchen nach dem Wind auszurichten. Aber es müssen ja Faktoren vorliegen, die ein aufsteigen dieser Partei erleichtern. Es kann auch nicht angehen, diese Gruppe und die Wählerinnen und Wähler zu dämonisieren. Das ist zutiefst pubertär.

Dazu kommt, dass es ja offensichtlich nicht ein rein deutsches Problem ist. Österreich hat rechts gewählt, Orban in Ungarn steht rechts, Marine LePen hat es uns eigentlich vorgemacht, obwohl man zur Zeit gerade aus Frankreich nichts hört. Ich könnte noch einige Namen aufzählen. Wahrscheinlich würde auch ein Brexit einen Rechtsruck in England bedeuten. Aber hier bewege ich mich im Bereich der Vermutungen. Wenn so viele Kräfte sich bereits für eine politische Seite und damit für eine bestimmte – sagen wir: nationale – Weltanschauung entschieden haben, ist die Dynamik groß genug, weitere Gebiete in Europa zu überziehen. Der Laie in mir, der allenfalls versucht, aufmerksam zu beobachten, fragt nur: War nicht im Zuge einer Europäisierung und einer Internationalisierung dieses Kontinents genau der andere Pendelausschlag phänomenologisch zu erwarten gewesen? Dazu haben wir alle doch viel zu lang im Eigenbewusstsein einer Nation gelebt. Das gibt doch niemand einfach so auf. Und tatsächlich sind Sprache und Geld hauptsächliche Identifikationsmerkmale. Eigentlich wundert mich nichts, wenngleich ich die Entwicklung in Land und Kontinent bestimmt nicht für gutheiße.

Masken und Fratzen

 David Cameron: "Dies ist ein historischer Moment für Großbritannien", sagte...

Hab gerade in einem Artikel über die Verhandlungen mit David Cameron gelesen. Diesen verzweifelt bemühten englischen Staatsschauspieler. So galant und elegant und eloquent er auch tut, es bleiben bloß Masken, hinter denen er sich rechthaberisch verbirgt. Was hier noch schnell aus Europa herausgepresst werden soll.

Mehr als alles andere macht diese Tragikomödie deutlich, dass es kein vereinigtes Europa mehr gibt. Die Union, die wahrscheinlich nie wirklich eine war, ist gerade zerbrochen. Und wir wurden Zeugen davon. Eine Wertegemeinschaft war das schon lange nicht mehr. Wenn es überhaupt je eine war. – Das kriegerische Element wird siegen und noch einmal eine ganze Welt verändern. Zu viel Gewalt ist in der Luft. Merkel, deren Kurs beeindruckend ist, auch beeindruckend stur, ist tatsächlich zu einem Anachronismus geworden. Mit Diplomatie wird kaum mehr etwas erreicht, die Grenzen sind aufgezeigt und so recht glaubt seit der Ukrainekrise sowieso keiner mehr daran. Das ist keine Jammerei und kein Selbstmitleid. Selbstmitleid schon gar nicht. Es ist nur eine Feststellung. Jammern und Traurigkeit verbrauchen viel zu viel Kraft. Es ist nicht einmal Zweckpessimismus. Nur ein Aufmerksam-Sein, was kommt und wie ich ganz privat reagieren muss.-

Noch eine Mail an meinen Partner von vor 14 Tagen geschrieben. War ganz angenehm, wie er über meinem Schoß lag. Hat sich – naja – so halb tapfer gegeben. Ich weiß nicht, ob das, was ich ihm geschrieben habe, nicht auch ein wenig Heuchelei war. – Bekomme spät noch eine Antwort. Er habe sich schon Sorgen gemacht. Okay.