Das Fremde – mein dunkler Bruder?

… kuriose bedrängende Träume. Sehr aggressive Bilder. Auch Empfindungen großer Verlorenheit. Bilder, die Angst machen. Da man sich im Traum in verwandelten Erscheinungen ja selber begegnet, versuche ich zu verstehen, wer ich wirklich bin. Inmitten dieses Angstszenarios gab es auch eine Massenumarmung, alle nebeneinander, ich schaue von hinten drauf, so dass fast ein Bild wie bei Leonardo da Vinci’s Abendmahl vor meinen Augen entstand. Entweder bleibt man sich  ein Leben lang fremd oder man wird sich – zumindest manchmal – immer fremder…

Wieder ein Todesfall in der – weiteren – Familie. Die Mutter meines Schwagers ist 85 jährig gestorben. Aber wie das so ist, mit dem Tod eines Menschen ist ja so manches nicht aus und vorbei. Da gibt es bucklige Verwandtschaft und Begehrlichkeiten und auch Enttäuschungen, da sich, außer ihm und seiner Frau, kaum jemand um die alte Frau gekümmert hatten. Am Mittwoch die Beerdigung inmitten ungeliebter Menschen. Meine Schwägerin wird sich noch einmal standhaft zeigen müssen. Und: Es gibt ja bei allem auch eine gewisse Logistik. Kaffee und so weiter…

Bin mit einigen komplexen Büchern durch und versinke zur Zeit in der Perry Rhodan-Serie, die ich noch aus meiner Studienzeit herüber gerettet habe. Der alte Weltraumheld ist mir geblieben. Eskapistische Literatur, ja gut, aber warum nicht. William Faulkner und seine „Freistatt“ wartet ja auch noch auf mich. Mal sehen, was ich auf meine Reise nach Irland mitnehme.

„The man in the high castle“ im Fernsehen. Streaming. Nach einem Roman von Philip K. Dick. Sensationell gut gemacht. Ganz hohe Qualität. Sehe jetzt die zweite Staffel und bin auch wieder begeistert. Sehr komplex und durchaus anstrengend. – Liz ist heute auf einem Vorbereitungskurs nebenan. Ich hänge meinen Gedanken nach. Versuche mein Leben aufzuräumen. Leider gibt es noch keine Rückantwort auf mein Inserat. – Draußen liegt Schnee, Egon, bei uns schon sehr geschwächt, hat einiges hinterlassen. Und doch – Gott sei Dank – ist es nicht so heftig, wie in anderen Bundesländern. Ab und zu schneit es ein wenig… Nicht sehr beeindruckend.

Habe über Weihnachten 2,5 kg abgenommen und das Gewicht gehalten. Mühevoll. Besonders, wenn man gerne gut isst, leidenschaftlich kocht und dem Schokolade verfallen ist – hmmm – bin von mir selber beeindruckt.

Ein alter Wandersmann

Regen! Es ist uns ja ein verregnetes Pfingstwetter vorhergesagt. Naja, wir können es nicht ändern. Also nicht aufregen.  Die Tage in Franken stehen an mit dem 80. Geburtstag der alten Dame, die wahrscheinlich kaum mehr etwas von dem Tag mitbekommt. Trotzdem werden wir, so gut es geht, feiern. Und trotzdem werden wir alle versuchen, irgendwas Gescheites zu sagen. Und vielleicht wird auch ein wenig geheuchelt. Liz und ich fahren erst am Montag, das ist auch gut so. Und nachdem meine Schwägerin sehr gut kocht, werde ich wohl wieder den Attacken auf meine Hüfte erliegen. Die gute fränkische Kost. Oje. (grins)

In den Träumen scheint jemand Gericht über mich zu halten. Ob freundlich oder nicht, kann ich nicht einmal sagen, es ist eben so, dass meine Seele so ganz viel abarbeitet. Liz meinte gestern Abend noch, dass ich wohl auch nicht hatte Trauern können, als meine Eltern starben. Gut möglich. Als sie das „Feierabend-Lied“ auf der Flöte spielte, war es mit meiner Beherrschung fast dahin. Ich kann doch mit so einem Kitsch nichts anfangen. Aber es ist doch kein Kitsch, es ist Liedgut, Volkslied, und es drückt die tiefsten Sehnsüchte des Menschen aus. Wenn man keine Heimat so recht hat, weil man entwurzelt ist, entwurzelt wurde (auch das), dann holt einen die Trauer auch über diesen Verlust manchmal ein. Und gestern Abend war es soweit. Wo bin ich angekommen. Himmel hilf!

Heute ist irgendwie ein armselig trüber Tag. Ich kann mich trösten, etwas weiter mein wissenschaftliches Essay vorangetrieben zu haben und meine Erzählung auf den Weg zu bringen. Später, wenn Liz Tanzen gegangen ist, werde ich wohl lesen. Oder?

Meine irrsten Gedanken waren, im kommenden Jahr, wenn ich nun 60 geworden bin, einmal ganz allein in den Urlaub zu fahren und dort wie ein alter Wandersmann über die Berge und Hügel Irlands zu streifen. Nur bei mir und mit mir. Die Idee habe ich ja schon lange, nur gab es noch keine Möglichkeit, es zu verwirklichen. Es ist dann soweit. Und wie lange soll ich denn noch warten? Manchmal greift auch eine grauenvolle Angst nach mir. Eine namenlose Angst – und tief in mir drin habe ich das Empfinden, es hat damit zu tun, sich sagen zu müssen, dass man nicht genug gelebt hat.

Schattenbilder

Merkwürdige Träume: Zum einen war ich mit Liz in einer großen Stadt in einem Konzert oder in irgendeiner Veranstaltung. Es ist dunkel, als wir nachhause gehen. Wir werden gewarnt, nicht zu Fuß zu gehen, draußen würden sich mörderische Banden herumtreiben. Tatsächlich sind es Kinder und Jugendliche, die in grausamster Weise mit Waffen, mit Dreschflegeln und Messern, auf die Menschen losgehen und einzeln oder als Gruppen die Erwachsenen angreifen und umbringen. Liz und ich kommen durch, es sind ja nur einige hundert Meter, bis wir wieder in überblickbaren Straßen laufen, die Straßenlampen sind in fahlem Gelb. Die Straßen aber sind leer. Kein Mensch zu sehen. Kann man sich jetzt wirklich sicher fühlen?

Später: Wir sind mit einem Busunternehmen in einer Gruppe unterwegs. Irgendwann gegen Abend erreichen wir unsere Unterkunft, eine Gastwirtschaft, ein Hotel? Wir steigen aus, ich gehe hinter einem älteren Mann her und es wird mir bewusst, dass ich schon 93 Jahre alt bin und bald sterben muss. Und diese Erkenntnis, nichts mehr vom Leben und meinem Dasein erwarten zu dürfen, keine Freude mehr empfinden zu können, raubt mir den Atem und es ist mir, als liefe ich in absolute Schwärze hinein. — Ich erwache stöhnend.

Mit Liz über die Träume beim Frühstück gesprochen.

Vom Himmel und vom Hofbräuhaus

Mit Liz in München. Es tut uns beiden gut, endlich mal wieder gemeinsam rauszukommen. In der Stadt Besuch einer Ausstellung der Künstlerin Helischeba. Sehr starke, eingängige Bilder, voller Metaphorik und doch klar im Ausdruck. Ein eigener Geist, der sich wohl nicht hat verbiegen lassen. Danach Weg in die Innenstadt  Ich muss meine Lieblingspfeife reparieren lassen, besser gesagt das Mundstück. Von dort ins Hofbräuhaus zum Essen.

Dort begegnet einem durchaus Einsamkeit. Einige einsame Herrn sitzen allein an Tischen. Lesen Zeitung, essen allein, lesen weiter ihre Zeitung. Gegenüber eine junge Frau, die mit ihrem Smartphone herumspielt und wohl nicht auf einen Freund oder eine Freundin wartet. So lange wir sitzen und bleiben, sitzen alle anderen auch. Auch eine Form von familiärem Miteinander, dieses Dasitzen und Warten, Warten, Warten…

Es ist mild geworden, tatsächlich gegen 15 Grad. Der Hugendubel am Marienplatz scheint nicht zugänglich, dort wird gebaut. Es ist heute nicht so viel los in der Landeshauptstadt, wir kommen gut vorwärts. Kein Drängen und Schieben. Sehe ein Plakat von den Zeugen Jehovas: Eintritt frei! und darunter: Noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein! Ich muss schmunzeln. Mein Himmel hat freien Eintritt. Schon immer. Die Liebe Christi ist größer als alles menschliche Denken. Und nicht von 144 000 abhängig.

Wie leer es ist auf der Theresienwiese. Unser Parkplatz. Liz fährt zurück. Viele Gedanken. Wohin zieht es mich, zieht es uns? Wir üben uns ein in ein Pensionistenleben. Ich habe Angst vor der Einsamkeit. War es gewohnt, 35 Jahre nur gebraucht zu werden, bis zu Erschöpfung. Werde ich die Leere füllen können, die dann entsteht. Weiß um das Paradoxon. Kann es nicht lösen, jetzt noch nicht. Will nicht so schnell da sitzen, wie die alten Herrn im Hofbräuhaus. Hab keine Bilder in mir, aber es rühren sich unaussprechliche Gefühle.